Barbarossa, Hanibal und die Algarve

11. März 2010

Aus meinem Geschichtsunterricht ist mir nur eine Gestalt in Erinnerung geblieben, wirklich nur eine einzige – und das ist Kaiser Barbarossa. Kaiser Barbarossa mit dem leuchtend roten, zotteligen Bart und dem verwuselten dichten Haar, der auf einem Elefanten sitzend die Alpen überquert. Und selbst das stimmt ja überhaupt nicht! Da habe ich schwer etwas verwechselt, denn der Feldheer Hanibal zog mit einem 60.000 Mann starken Heer und 39 Elefanten über die Alpen – und Kaiser Barbarossa, viele Jahrhunderte später, spendete zu dieser Meta-Einnerung nur seinen Bart.

Hanibal, gestresst

Hanibal (gestresst)*

Wie dem auch sei: immer wenn ich nun auf meiner Reise zwischen Deutschland und Portugal über die Alpen fliege, denke ich an etwas Rotes und an Elefanten, höre ihr fassungsloses Trompeten, während sie auf dem harten, felsspitzigen Grund mit ihren dicken, weichen Füßen entlangstampfen – und denke, was für eine Mühsal! Was für eine schreckliche Qual doch das Reisen und Erobern in früheren Zeiten war! Eine Lebenserwartung von ca. 40 Jahren – und Söhne, die sich mit 18 auf in den Kreuzzug machten, und die man,  wenn man Glück hatte, nach vielleicht 10 Jahren wiedersah – oder eben nie mehr, weil sie im Ausland arbeiteten, keine Ferien hatten und das Geld für die 6-monatige Reise  zwischen Lagos und Hamburg nicht zusammenbekamen.

Und dann ich: eben noch am Boca do Rio am ersten wirklich warmen Tag des Jahres im T-Shirt auf den Mauerresten der römischen Villa gesessen und aufs Meer geguckt

Alte römische Ruine bei Budens

Alte römische Ruine bei Budens

- und jetzt, 6 Stunden später, dick eingemummelt, in Düsseldorf am Hauptbahnhof auf ein Taxi wartend. Der Fahrer, ein Portugiese, steigt aus und hievt mein Gepäck in den Kofferraum. Das ist überhaupt nichts besonderes, denke ich. In ein paar Jahren wird sich die Reisezeit um zwei Drittel reduziert haben, oder es reicht vielleicht nur noch ein Augenblick. Wir denken uns an die Algarve, wir verleben dort drei tolle Wochen und dann … denken wir uns einfach wieder zurück.

*Abb. Hanibal aus: www.wasistwas.de

Wieder fast vergessen: Internationaler Frauentag in Portugal

08. März 2010

Heute ist Weltfrauentag. Ich vergess das jedes Jahr, bin mir aber gleichzeitig bewusst, wie privilegiert ich mit dieser Haltung bin – ich erlebe eigentlich nie, dass ich auf Grund meines Frauseins Nachteile erleide – ganz im Gegensatz zu einem Großteil der übrigen Welt.

Auf den “Día da Mulher” bin ich dieses Jahr im LIDL-Prospekt aufmerksam gemacht worden. Eine ganze Doppelseite im Inneren zeigte Cremedosen, Bodylotions, Nachtcremes, Tagescremes für die besonders trockene Haut, Deos im Rosenkarton, Parfüms und Blumensträuße.

Ich will diese Gelegenheit gleich beim Schopf nehmen Ihnen ein paar Wörter Portugiesisch beizubringen, damit Sie, falls Sie in Ihren Ferien an der Algarve eine nette Einheimische kennenlernen, ein passendes Mitbringsel haben: Also, Parfum heißt wie bei uns im Deutschen auch, Parfum, bzw. Eau de Parfum; Duschgel heißt “Espuma de Banho”; Feuchtigkeitscreme heißt “Creme Hidratante”, Tagesfaltencreme “Creme de Día Anti-rugas”. Ein “ramo” ist ein Blumenstrauß (”ramo da rosas”),  ist aber genauso das Wort für “Zweig, dünnerer Ast” und bezeichnet im übertragenen Sinne die Branche von etwas – “ramo da moda” ist beispielsweise die Modebranche – eigentlich vom Gedanken her wie bei uns auch, bevor wir die ganzen Lehnwörter ins Deutsche übernommen haben. Und die  Nachtfaltencreme schließlich ist die “Creme de Noite Anti-rugas Q 10″

Es ist sicherlich in Aktivistinnenkreisen anders, aber der normale Portugiese beschenkt seine Frau am Weltfrauentag mit eben solchen Frauengeschenken und ist froh, wenn sie abends nicht plötzlich auf die Idee kommt, mit einem Pulk Freundinnen allein um die Häuser zu ziehen. Und so ähnlich, aber um das etwa 20-fache Volumen gesteigert, ist das auch am Weltkindertag, der am 4. Juni begangen wird.

Nie habe ich eine solche Masse an Geschenken gesehen wie damals, als unser Sohn an eben diesem Tag in Portimão im Krankenhaus lag. Die Betten der anderen Kinder bogen sich unter den Kartons und Kisten und Süßigkeiten und nicht ganz so riesigen Päckchen, ständig quoll neue Verwandtschaft ein – nur unser Kind saß mit uns Rabeneltern unbeschenkt und blass in seinem Bett, verstohlen beäugt und aufrichtig bemitleidigt – und seitdem vergessen wir den “Día da criança” wirklich NIE mehr.

Nie ohne Flasche! – Trinkwasser an der Algarve

02. März 2010

“Vitell”, das Trinkwasser kam glaub ich, in Deutschland in den 70ger Jahren auf. Erst verstanden wir überhaupt nicht, warum wir ein Wasser kaufen sollten, das keine Kohlensäure enthielt und  – naja, eben nicht nach Fanta, Sprite oder Cola schmeckte – sondern nur nach Wasser.

Plötzlich gabs alle möglichen Sorten von “Stillem Wasser” auf dem Markt – bzw. vereinzelte “Stille Wasser” hatte es auch schon vorher gegeben, ich erinnere mich zwar keiner Marke – wohl aber, dass meine Tante Anne, die es am Magen hatte, es immer trank – und dazu Schonkost aß, die genauso wenig nach etwas schmeckte.

Dann wurde eine ganze Zeitlang, auch medial, ein großes Theater um teures Wasser gemacht, ich erinnere mich, dass wir uns auf offiziellen Abendesseneinladungen durch eine Reihe an unterschiedlichen Wassern tranken – und sehe noch immer Pauls verzückten Blick vor mir, wie er mit nach oben verdrehten Augen einer besonders gelungenen Komposition nachschmeckerte und dazu in verschiedenen Tonhöhen “mmmmm!”, “nnnnmmm!”, mömömö-mmmm!” herauspresste.
Danach ebbte diese Welle langsam wieder ab – und heute trinkt man wieder Kohlensäure oder kohlensäurearmes Wasser, wenn es denn Wasser sein soll, und bereitet seinen Tee mit dem aus der Wasserleitung zu, das untersuchtermaßen manchmal sogar reiner als das aus den Flaschen ist.

In PORTUGAL ist das allerdings nicht so. Da ist das Wasser, das aus der Leitung kommt, kein Trinkwasser, da es mit Chlor versetzt ist – im Winter mancherorts etwas weniger, in den heißen Sommermonaten aber durchgängig ziemlich stark – und das schmeckt man eben wirklich heraus. Auch im Tee oder im Kaffee. Die kriegen dann so einen scharfen Nachgeschmack, der entfernt an verbranntes Gummi erinnert – wie das zustande kommt weiß ich allerdings auch nicht.

Deshalb muss man, wenn man seinen Urlaub in einem Ferienhaus an der Algarve verlebt, das Trinkwasser einkaufen. Das gibt es in diesen 5-Liter-Kanistern, die überall in den Supermärkten ganze Regalflächen einnehmen, und von 39 Cent aufwärts bis ungefähr 90 Cent kosten können. Das hat wiederum mit der Qualität zu tun, bzw seiner Herkunft. Quellwasser aus dem der Küste vorgelagerten Monchiquegebirge ist beispielsweise besonders teuer, aber hat auch besonders gute Werte. Ich mache es im Sommer so: ich kaufe das billige Wasser für meinen Tee und Kaffee und zum Kochen – und das teurere zum direkt trinken.

Achten Sie übrigens mal drauf: kein Portugiese geht je in der Sommerhitze ohne seine Wassertrinkflasche aus – und wenn er sonst nichts als eine Badhose am Leibe trägt, eine Wasserflasche hat er immer in der Hand.

Algarve – Frühjahrswinde

26. Februar 2010

Tornado kommt aus dem Spanischen und da von “tornar”, was “umkehren, wenden” bedeutet, aber im Portugiesischen heißt es genauso. Ein Tornado ist demnach ein Wind, der nicht nur aus einer Richtung weht – vielmehr alles, was er erfasst im Kreis herumwirbelt – wie Mittwoch Nacht geschehen in Portimão.

Es war nur eine kleine Windhose – das ist die deutsche Bezeichnung dafür – die sich wiederum auf seine äußere Form bezieht, die aus der Entfernung aussieht wie ein Hosenbein. Sie wirbelte über den Praia de Vau hinweg und entwurzelte einen Strommast, zerstörte mehrere Restaurant-Fensterscheiben und wirbelte Stühle, Tische und sogar Gasflaschen durch die Luft. Menschen wurden aber nicht verletzt.

Plötzlichen Winde sind häufig an der Küste und besonders um diese Jahreszeit. Grad sitzt man noch, die ersten warmen Sonnenstrahlen der Saison genießend, auf einem eilens rausgestellten Gartenstuhl im Quintal*, schon eilen Wolken über den Himmel, knubbeln sich in Form einer dicken, flauschigen, dunklen Decke direkt vor der Sonne – und sofort erfolgt die erste Bö.

Sie stürmt an der Hauswand entlang und lässt den überfüllten Wäscheständer in die Knie gehen. Als nächstes fegt sie an einem vorbei auf die Haustür zu und schließt diese mit einem Knall. Dann ist man selber dran und wird geschüttelt, gerupft und am Ende eventuell noch beregnet – oft folgt auf solch einen Windstoß gleich noch ein Regenguss.

Nunja, es ist Frühling. Man wühlt also im Gartenbeet nach dem Zweitschlüssel und ist froh, wenn man endlich wieder im Haus ist und sich trockene Sachen anziehen kann.

*Quintal: Betonierter kleiner Hof vor oder hinter dem Haus

Verzweifelt im Algarve

23. Februar 2010

Schreiben ist ein einsames Geschäft. Während andere Leute morgens ihr Haus verlassen, um zu Arbeit zu gehen und dort auf andere Leute zu treffen, steh ich um halb acht auf, zieh mich an, bereite mir einen Kaffee, esse ein Toastbrot, trinke noch einen Kaffee und noch einen, fahre den Computer hoch, werfe einen Blick in die E-Mails, surfe ein bisschen im Internet, öffne den administrativen Teil meines Blogs, habe eine vage Idee, worüber ich heute schreiben will, tippe wenigsten schonmal einen Arbeitstitel in das obere Feld, aber finde den Anfang nicht, und finde ihn nicht und finde ihn nicht.

Jetzt wären Kollegen gut, Leute, die einen für einen gesunden Moment davon ablenken, dass einem nichts einfällt und von dem Folgegedanken, dass das auch NIE mehr der Fall sein wird. Es hat sich eben ausgeblogt und ausgeschrieben – jetzt muss man gucken, wie man sich auf andere Weise an der Algarve über Wasser hält, was im Sommer noch gerade möglich ist, aber im Winter sogut wie keine Aussicht hat. Die Algarve mit ihrem Meer und wunderschönen Sandstränden und Felsbuchten ist ein Landstrich, der vom Tourismus lebt. 90% seiner Bevölkerung verdient damit während der Saison ihr Brot – und auch für verzweifelte Bloggerinnen gibt es dann gelegentlich einen Putzjob oder Berge von schmutzigen Tellern in einem kleinen Küchenkabuff wegzuspülen.

Verzweifelte, einsame Stunden an der Algarve

- allein -

Aber jetzt ist Winter. Die letzten Tage hat es geregnet, als hätte es im Himmel einen Wasserrohrbruch gegeben, und nun hat der Küstensturm eingesetzt und lässt die Fensterscheiben ihn ihren Rahmen erzittern. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als doch noch einen Anfang zu finden und eine Mitte und ein Ende – was glücklicherweise jetzt gelungen ist.

Warum die Algarve Algarve heißt

17. Februar 2010

Eigentlich heißt die Algarve gar nicht die Algarve, aber der weibliche Artikel hat sich im Laufe der Jahre im deutschsprachigen Raum einfach eingebürgert. Wenn man′s genauer nimmt, müsste es heißen der Algarve – und selbst das ist noch nicht genau genug, bzw. nicht ganz richtig.

Als die Mauren 711 vom heutigen Marokko aus nach Südspanien übersetzten und dort von al-andalus Besitz ergriffen, war das Gebiet links von ihnen einfach erst einmal al-gharb, also das “gegen Abend gelegenes Land”, also der Westen, wobei “al” der Artikel war und “gharb” das eigentliche Objekt. Um diesen fernen Landstrich, von dem man noch nicht einmal geahnt hatte, dass es dort noch weiterging, wollte man sich später mal kümmern, jetzt hieß es erstmal invasieren, was vor der Nase lag.

Das war Gibraltar, das damals allerdings noch nicht so hieß. Die Römer hatten den Ort “Mons Calpe” genannt, dann kamen die Goten und nannten wieder um. Dann erklomm der maurische Feldherr Tarik Ibn Siad den Kalksteinfelsen – und alles wurde auf “Gabal Tarik” – “Ort der Landung des Tarik” umgetauft, aus dem sich im Laufe der Jahrhunderte “Gibraltar” ergab.

Wenn wir heute von der Algarve sprechen und beispielsweise verkünden: “Im Sommer fahre ich in die Algarve und miete mir dort über Casa Feria ein Ferienhaus.“, dann ist das zwar eine gute Idee, aber eigentlich grammatikalisch falsch. Streng übersetzt heißt das nämlich: im Sommer fahre ich in die den Westen und miete mir dort ein Ferienhaus. Aber so genau nehmen es die Portugiesen auch nicht mehr, ist doch das Arabische seit vielen Jahrhunderten zum festen Bestandteil ihrer Sprache geworden samt seiner Artikel, die als solche gar nicht mehr wahrgenommen werden. Im Portugiesischen ist die Algarve aber immerhin eindeutig männlich geblieben “o Algarve”.

Der Nordportugiese fährt also im Sommer in sein Ferienhaus “no Algarve”, bereitet sich dort einen schönen Sommer-Al-face*, entspannt auf seiner Sonnenliege mit einem Al-movada* im Rücken und beschließt dann den Tag in einem schönen, portugiesischen Restaurant in Al-Jezur* zu verleben, wo er sich als allererstes ein riesiges Imperial bestellt. Das hat allerdings keine maurische Tradition – das ist ein Bier vom Fass.

*alface – grüner Salat
*almovada – Kissen
*Aljezur – kleines algarvisches Städchen an der Westküste

1001 Nacht an der Algarve – die Legende der Mandelbäume

13. Februar 2010

In der Zeit, als die Algarve noch in maurischer  Hand war, heiratete ein dort lebender maurischer Prinz eine sehr schöne,  junge Prinzessin aus seiner alten Heimat  – genauer gesagt aus dem an seiner höchsten Stelle 4165 Meter messenden Atlasgebirge, das sich von Marokkos Westen aus gen Osten über Algerien und Tunesien erstreckt.

Das Klima im Gebirge war rau und im Winter sehr kalt, die Wipfel schneebedeckt – die Prinzessin ging in Pelz und warmen Fellmänteln, sofern sie nicht zu Hause am Kamin saß oder in einer Sänfte getragen wurde. Sie liebte ihre Heimat, die blendende Weiße der Wintermonate – und irgendwann auch den Prinz, der mit Gr0ßem Hofstaat anrückte, die Auslösesumme für sie bezahlte und sie mit sich in sein warmes Zuhause an der Algarve nahm.

Sonne! Temperaturen bis zu 35 Grad im Schatten im Hochsommer! Sandsteinfelsbuchten im Westen! Ewige Sandstrände im Osten! Wind und Salzmeerluft! Heilende Quellen in Monchique! Ein Himmel, dessen Horizont über dem gleichfarbenen Meer nicht auszumachen war! Dazu noch ein Prinz, der jung und schön und äußerst liebenswürdig war! – Die Prinzessin taumelte von einem Hof-Fest zum nächsten und nachts in ein ebenso vielversprechendes Schlafgemach.

Dann kam der Winter, der von den Temperaturen überhaupt nicht mit denen des heimatlichen Gebirges zu vergleichen war. Ehr lachhaft das ganze – Niedrigstwerte um die 7 Grad!

Die ersten paar Jahre fand das die Prinzessin noch gut – nie mehr frieren! Stattdessen ordentlich Regen, sodass das Land grün und prächtig erblüte und ab April schon wieder kräftiger Sonnenschein! Ab dem dritten Jahr aber begann sie ganz entschieden etwas zu vermissen: die Abwesenheit von Farbe nämlich, bzw. das reine Weiß: schneebedeckte Feldflächen und Berge, die das Auge blendeten, aber dem stets unruhigen Geist eine Art Ferien bescherten: Lautlosigkeit ausgebreitet im Nichts.

Den vierten Winter weinte die Prinzessin vor Sehnsucht durch – im fünften wurde sie depressiv. Im sechsten hatte der Prinz im Februar plötzlich die rettende Idee: er ließ aus allen Landesteilen Mandelbäume heranschaffen und pflanzte sie so dicht es ging und im großen Umkreis um das Schloss herum.

"Schneeflocken"

"Schneeflocken"

Und dann kam der nächste Frühling – und da erblüten alle Bäume fast gleichzeitig Ende Januar und quasi über Nacht.  Als die Prinzessin morgens aus dem Fenster schaute sah sie auf ein riesiges weiß und blassrosafarbenes “Schneefeld”, und darin zwischen den tausenden weißen Flocken schließlich auf ihren fröhlichen Geliebten im Skianzug, der gerade letzte Hand an einen – leider immer wieder in sich zusammenfallenden Haufen legte – dem er vergeblich versuchte einen Zylinder aufzudrücken.

Algarve kontemplativ

10. Februar 2010

Heute regnet es wieder an der Alagarve. Ich habe einen Freund besucht, der nahe der Küste in einem selbstgezimmerten Häuschen wohnt, man muss wissen wo es ist, sonst verschwindet es völlig in diesem tausendfach schattierten Grün mit dem die Erde auf die Niederschläge dieser Jahreszeit reagiert.

Dies ist die große Zeit der Kontemplation bei den überwinternden Feriengästen und ganzjährig hier lebenden Ausländern. Man trifft sich zum Tee und der Handel mit heimatsprachlichen Büchern floriert – “Sieh mal, ich hab dir  was mitgebrach: die ersten 2 Bände der Trilogie von Stieg Larsson, den dritten hat noch Elke, danach kriegt ihn Paul dann hab ich ihn Andrea versprochen, aber danach kommt er zu dir.”

Die alten Männer des Dorfes, die es in ihren feuchten Häusern nicht aushalten, und außerdem Gesellschaft haben wollen, sitzen warm eingepackt mit Hut und Mantel in den betonierten, überdachten Bushaltestellenhäuschen und warten die Regenzeit ab. Sie warten im Sommer allerdings auch die Hitzeperiode ab – eigentlich genauso gekleidet – der Algarvio weiß, im Gegensatz zu den meisten Touristen, dass weder exzessive  Sonnenbestrahlung noch kriechende, feuchte Kälte für seinen Körper das Allerbeste sind.

Manchmal, wenn es gar zu öde wird auf der Straße oder der Wind grad sehr ungünstig von der offenen Vorderseite  reinweht, gehen sie einen deskoffeinierten Kaffee trinken – oder setzen sich einfach so, ohne etwas zu bestellen, in die Bar von José – und wenn sie Lust haben, werfen sie zwischendurch auch ein paar Kronkorken oder Münzen oder zu diesem Zweck extra angefertigte Plättchen in ein Hockerloch.

"Triff das Loch" in Barao Sao Miguel

"Triff das Loch" in Barão São Miguel

Das ist eine sehr schöne und vor allem sehr sinnvolle Freizeitbeschäfigung. Man trainiert ein wenig die Koordination, unterhält sich mit Freunden, guckt zwischendurch Fern (es gibt eigentlich keine Bar oder keinen öffentlichen Raum in Portugal, wo nicht die Kiste läuft), erfährt wer seit gestern mit wem was gemacht hat, kommentiert und diskutiert – und dann geht man langsam wieder zur Haltestelle zurück, aha – ein Schichtwechsel – “boa tarde João!”

Algarve – die Farben des Südens

03. Februar 2010

Heute regnet′s an der Algarve, aber die Temperaturen halten sich bei 12 Grad Celsius an der West- bzw. 14 an der Ostalgarve. Das ist ok. Noch wärmer allerdings wird′s am Wochenende: Sonntag – sonnig – 18 Grad in Faro, 16 Grad in Lagos – azurblauer Himmel – azurblaues Meer.

Überhaupt die Farben des Südens im Februar: nicht umsonst und seit Jahrhunderten pilgern die Maler und Fotographen des Nordens im Winter in die Mittelmeerländer. Es sind nicht die milden Temperaturen allein, die sie reizen, sondern das Licht. Diese schräg einfallenden Strahlen, die zu keiner anderen Jahreszeit so greifbar sind. Man hat das Gefühl dass, würde man die Hand nach ihnen ausstrecken, tatsächlich eine Substanz da wäre – etwas an der Oberfläche gespanntes, fluoriszierendes, uneiliges – obgleich zielorientiert: auf die erblühenden Wiesen, die frisch gepflüggten Äcker, die Orangenhaine des Ostens, die weißgetünchten, einstöckigen, traditionellen Häuser in den Dörfern, den gold schimmernden Kontinentalklippenrand bei Sagres im Westen.

Um vier Uhr nachmittags steht der Sonnenball so tief, dass man ihm entgegenfahrend, das Gefühl hat, vollständig von einem wild pulsierenden, orange-roten Herz absorbiert zu werden. Es ist ganz warm – der Straßenasphalt bekommt einen merkwürdig lebendig-grauen Glanz, die Sicht ist weit, ein am Straßenrand plötzlich erscheinendes Hundepaar kann in aller Ruhe die andere Seite erreichen – es ist noch einige Hundert Meter entfernt – touristische Fußgänger mit strammen Waden und nordischen Gehstöcken auf den Seitenstreifen der  N125 haben etwas Alienhaftes an sich, was die Intensität ihrer Bewegungen angeht. Nun halten sie kurz an, studieren die Karte, setzen Plastikwasserflaschen an ihre Hälse, schälen etwas, das aussieht wie eine illuminierte Banane…

Plötzlich wird′s kühl: jetzt ist die Sonne weg.

Nachtrag zu “Klitschko in Faro mit Hündchen”

28. Januar 2010

Nicht dass das nun falsch verstanden wird: ich mag diese typisch portugiesischen Restaurants! Diese zweckmäßigen Hallen mit den Reihen von Tischen. Ich mag genau das: dass man diesen Stätten genau ansieht, wozu sie dienen: Orte der Nahrungsaufnahme, an denen der vor wenigen Stunden aus dem Atlantik gefischte Fisch, frisch und ohne viel Firlefanz drumherum serviert wird. Dazu ein regionaler Wein und klares, kühles Wasser aus den Quellen des Monchiquegebirges. Diese “Abfütterungshallen” wirken eben nur etwas seltsam auf Nordeuropäer, die Firlefanz gewohnt sind: gedimmtes Licht, Butzenscheiben, mehrere hintereinanderliegende kleine Räume, und nach Möglichkeit die Tische selbst  mit Hilfe von Hängebepflanzung blick- und hördicht von der Nachbargesellschaft abgeschottet.

Aber wozu? Wenn man sich was Intimes zu erzählen hat, kann man das auch zu Hause beim Candlelightdinner besorgen – ansonsten geht man eben einfach essen – und reden – und lachen und mit Carlos flirten, der 3 Tische weiter mit seinen Kumpels sitzt. Und Fernsehen und evt. mitsingen, wenn dieser schmierige Typ in der Kiste, der aber offenbar der zur Zeit bekannteste Schnulzensänger Portugals ist, seine Hits runterschmettert. Und am Ende gibts Nachtisch und Kaffee und eben einen industriell hergestellten Schnaps – denn der Wirt wäre ja blöd, wenn er seinen wohlgehüteten “Caseiro” am Abend wahllos unter die Gäste verteilte.